Henning Wehland – Der letzte an der Bar

Lasst mich diese Review mit einer kleinen Story aus meiner Jugend beginnen. Es war das Jahr 1994. Während Mädchen in meinem Alter die Schwiegersohntypen der Boysgrous angeschmachtet haben, habe ich mich auf die Rockvideos bei MTV gefreut. Und da lief es eines Tages: „Move“ von H-Blockx. Dieses Video war für mein Alter – ich war zarte 13 Jahre alt – fast schon verstörend. So schrill mit dieser knallbunt geschminkten Dame und den Massen an Ameisen. Aber der Sound war geil! Und dann war da dieser junge, gutaussehende Sänger, der mein Herz sofort erobert hat. Tja, da war es also auch um mich geschehen, ich schmachtete nun auch einen Promi an. Aber meiner war cooler als der von allen anderen!

Damals, im Ferienlager…

Nun, das war also der Beginn einer Fan-Liebe, die einige Jahre anhalten sollte. Ich habe zu „C’Mon“ und „The Power“ abgefeiert und bei „Little Girl“ so einige Tränen vergossen. Zwar wurden die Poster irgendwann gegen gerahmte Bilder ausgetauscht und auch mein Herz habe ich irgendwann anderweitig verschenkt – sorry Henning – aber die Musik habe ich immer noch gerne gehört. Auch vom letzten Album „HBLX“ war ich vollkommen begeistert. Dass Henning damals schon Mitglied der Söhne Mannheims war, ist völlig an mir vorbei gegangen – ist eben einfach nicht meine Musikrichtung.

Dass Henning dann aber plötzlich wieder richtig präsent wurde, ist mir natürlich nicht entgangen. In der Jury von „The Voice Kids“ dann auch gleich mal als sympathischen Erwachsenen entdeckt. Schade, dass die Zeit von H-Blockx vorbei zu sein scheint, wenngleich sich die Band nie offiziell aufgelöst hat, aber umso besser war es zu hören, dass Henning Wehland nun sein erstes Soloalbum veröffentlicht! Heute, um genau zu sein.

Rock? Pop? Oder gar Hip Hop?!

Wer noch nicht in das Album hineingehört hat, der kann gar nicht genau sagen, welche Richtung es denn nun geht. Mehr wie die H-Blockx und back to the basics oder doch gefühlvoll und poppiger wie die Söhne Mannheims? Um ehrlich zu sein: nichts von beidem und irgendwie doch beides! Henning Wehland hat hier seinen ganz eigenen Weg gefunden und verbindet scheinbar einfach die Sounds, die ihm gefallen.

Und das klappt erstaunlich gut! Klar, wer auf back to the roots gehofft hat, der wird beim ersten Durchhören vielleicht etwas enttäuscht sein, denn ganz so rockig wird es nicht mehr. Aber wenn man dem Album eine zweite, dritte Chance gibt, dann packt es einen einfach. Es heißt ja immer, dass die Fans alter Tage die Kritischsten sind. Gerade dann, wenn die Musikrichtung sich doch sehr ändert. Und zugegeben: ich war sehr skeptisch und war mir sicher: das gefällt dir nicht. Ich hätte versucht, dennoch sachlich an die Kritik heranzugehen. Trotz Enttäuschung. Aber die – jedenfalls für mich – gute Nachricht: ich bin gar nicht enttäuscht!

Von Umdrehungen bis zum Saufen mit Affen

Nehmen wir das Album doch mal im Schnelldurchlauf auseinander: Los geht es mit „1001 Umdrehung“. Der Song fängt eigentlich total langweilig an, doch dann sing Wehland los, auf einem absolut eingängigen Beat. Er erzählt hier mehr eine Geschichte als dass er singt, aber ab dem „ohoho“ funkt es dann ordentlich.

„Der alte Mann und das Leergut“ ist ähnlich, wenngleich etwas ruhiger, gedrückter. Aber eben ein solcher Song, den man spät abends als letzter an der Bar gut hören kann. Mit „Anfang vom Ende der Welt“ wird es politisch. Ein Song – wenn man denn gewillt ist so viel Text auswendig zu lernen – zum Mitgröhlen, Klatschen, Fühlen.

„Der Affe und ich“ ist einer meiner Favoriten dieses Albums. Genialer Beat, cooler Text, einfach ein sympathischer Titel, bei dem man Henning doch irgendwie wirklich an der Bar sitzen sieht. „Der Freund steckt im Detail“ groovt, hier fällt es – wie damals beim H-Blockx Titel „Can’t get enough“ – den Kopf einfach nicht stillhalten.

Vom Wahnsinn des Lebens bis zum Schulhof des Lebens

Bei „Mein Leben ist der Wahnsinn“ musste ich irgendwie an The BossHoss denken (übrigens eine Band, die ich sehr gerne mag, weshalb das durchaus als Kompliment zu verstehen ist), nur dass Henning noch einen scratchenden DJ mit einsetzt. Der folgende Titel „Panzer“ ist zwar textlich gelungen, für mich aber eine der schwächsten Nummern auf dem Album – aber eine muss ja eh das Schlusslicht bilden.

„Der beste Beat der Welt“ – dieser Song lädt zum Träumen ein. Der Text ist erneut hochwertig, die Musik passend dazu. Aber der Titel klingt sehr nach den Söhnen Mannheims – für mich also nicht unbedingt was, trotzdem schön. „Geister“ ist ebenfalls ein ruhigerer, tiefgründiger Titel, den man nachts hört, wenn man nichts schlafen kann und über das Leben nachdenkt.

„Zombie“ ist dann wieder ein Song, der zu begeistern weiß. Henning Wehland zeigt einerseits, was seine Stimme hergibt, andererseits muss man ebenfalls wieder mindestens mit dem Kopf mitgehen. „Räuber und Gendarm“ kommt dann swingend daher. Zum Kopfnicken kommt nun also auch noch das wippende Bein dazu!

Von der Ansage an die Musikpolizei bis zur Lovestory

„Frei“ ist dann ein Titel, der sich an Kritiker richtet. Eine kleine Selbstverteidigung – oder besser gesagt: eine Erklärung. Henning macht sein Ding wie er Bock drauf hat und das erklärt er mit diesem Song nochmal genau. Musikalisch kein Hit, aber es klingt so, als wäre ihm die Veröffentlichung des Statements wichtig gewesen, sodass man merkt, dass er mit ganzem Herzen diesen Text herausschreit.

Wenn man liest, dass der nächste Song mit Labrassbanda aufgenommen wurde, dann kann man schon erahnen, was einem mit „Tanz um dein Leben“ erwartet: genau, Blasmusik! Tanzen muss man dabei nicht unbedingt, aber hüpfen klappt ziemlich gut! „Der letzte an der Bar“ folgt mit Titel 14, wo Henning nochmal unter Beweis stellt, dass er nicht nur Sänger, sondern auch Rapper ist. Ein sehr Guter, by the way.

Als Bonustrack gibt es dann noch „Bonnie & Clyde“ auf die Ohren. Diesen Titel hat er gemeinsam mit Sarah Connor aufgenommen – wieder ein guter Hinweis auf das, was den Hörer bei diesem Song erwartet könnte. So endet das Album mit einer sanften Popnummer, die schön unter die Haut geht und für kurze Zeit die Welt anhalten lässt.

Der kann das!

Ihr merkt es schon: mir gefällt „Der Letzte an der Bar“! Deutlich besser, als ich erwartet hätte. Henning zeigt sich von vielen verschiedenen Seiten, macht sein Ding und beweist, dass er musikalisch einiges drauf hat. Meine Sorge, ob ich über dieses Album überhaupt etwas schreiben möchte oder ob ich nicht doch jemand anderes an die Review lassen soll, hat sich zum Glück als unberechtigt erwiesen und so sei anderen Skeptikern gesagt: unbedingt rein hören, ihr werdet einige Überraschungen entdecken! Zwar nicht besser als H-Blockx, aber anders – anders gut!

 

Henning Wehland - Der letzte an der Bar

Henning Wehland - Der letzte an der Bar
9.3

Abwechslung

9.1/10

Qualität

9.5/10

Pros

  • Ein Album, das sich in keine Schublade stecken lässt und lassen will
  • Stimmlich gut, textlich hervorragend!
  • Abwechslungsreich und catchy

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