Jehovas Gefängnis

Fast jeder (zumindest diejenigen, die in einer Großstadt leben), ist mit ihnen schon einmal in Berührung gekommen. Sei es, weil man sie auf der Straße mit ihrem „Wachturm“ stehen sieht, sie an die Tür klingeln und „über Gott reden“ wollen oder weil tatsächlich ein Bekannter oder Arbeitskollege der Gruppe beigetreten ist: die Zeugen Jehovas.

Von der Gefangenschaft bis zum Ausbruch

Hierzulande tatsächlich als Religionsgemeinschaft anerkannt, bezeichnen viele sie doch gerne als Sekte – im negativen Sinne. Man spricht von Hirnwäsche und der Aufgabe der eigenen Identität. Viele Bücher wurden bereits über die Zeugen Jehovas verfasst, viele davon von Aussteigern. Auch bei diesem Buch nun handelt es bei dem Autor um einen Aussteiger, doch wenn man sich aus der Masse der Bücher dieser Art nur eines heraussuchen müsste, dann sollte es wirklich „Jehovas Gefängnis“ von Oliver Wolschke sein.

Es ist faszinieren, wie der Autor über seine Vergangenheit bei den Zeugen Jehovas berichtet und wie er erzählt, wie er den Absprung geschafft hat. Er schafft es tatsächlich, den schmalen Grat zwischen emotionalem und sachlichem Bericht zu gehen und gibt uns als Leser von beidem etwas. Ohne eine emotionelle Ebene wäre dieses Buch nur ein weiteres Sachbuch zum Thema, aber zu emotional würde nach einer Abrechnung klingen. Manch einer könnte dann sogar behaupten, der Autor übertreibt, weil er sich rächen will.

Ein tiefer Einblick in das Leben in der Gemeinschaft

Aber nein, hier klingen überhaupt keine Rachegefühle durch, höchstens Sorge um diejenigen, die den Absprung noch nicht geschafft haben oder sich jetzt erst in den Sog der Gemeinschaft ziehen lassen. Wolschke erzählt seine eigene Geschichte, wie er in jungen Jahren noch mit seinen Eltern Weihnachten feiern durfte, wie seine Mutter mit ihm dann zu den Zeugen Jehovas gegangen ist und wie sich plötzlich vieles verändert hat. Er erzählt auch, dass er gesündigt hat, als Teenager. Dinge getan hat, die eigentlich so völlig normal, aber als Zeuge Jehovas ein absolutes No-Go sind.

Der Autor erzählt davon, wie die Zeugen Jehovas richten und was alles falsch und wie wenig richtig ist. Sicherlich weiß man auch als Außenstehender, dass diese Gemeinschaft kein Weihnachten feiert und Silvester für sie eine Nacht wie jede andere auch ist. In diesem Buch erfährt man aber, warum das und vieles andere so ist. Man bekommt sozusagen die Welt der Zeugen Jehovas näher gebracht, aber auf eine ganz sachliche Art und Weise, ohne reißerischen Sensationssinn oder Schön- bzw. Schlechtrederei.

Selber lesen, unbedingt!

Es ist mit jeder Seite faszinierend, wie der Autor seinen Weg beschreibt und wie viele Informationen er einbindet, ohne dabei in eine langweilige Schiene abzudriften. Im Gegenteil: Man verschlingt Seite um Seite und kann das Buch nicht loslassen. Man fühlt mit, staunt, ist erschrocken und freut sich am Ende, dass er den Absprung geschafft hat, obwohl das alles andere als leicht gewesen sein muss.

Dieses Buch ist einfach jedem zu empfehlen. Egal, ob man sich für verschiedene Religionsgemeinschaften generell interessiert, gerne Biografien liest, selbst ein Aussteiger ist oder jemanden kennt, der bei den zeugen Jehovas ist und man sich näher mit dem Thema auseinander setzen möchte. Dieses Buch ist lesenswert – ganz einfach.

Jehovas Gefängnis

Jehovas Gefängnis
9.7

Informationsgehalt

9.8 /10

Schreibstil

9.6 /10

Pros

  • Sachlich und emotional zugleich
  • Sehr tiefe Einblicke und verständliche Erklärungen
  • Faszinierender Schreibstil

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