Studierst du noch oder lebst du schon?

Es gibt unterschiedliche Arten von Studenten. Da wären zum Beispiel diese, die dem Status „Student“ einen schlechten Ruf bescheren, nämlich die, die nicht genau wissen, was sie machen wollen und deshalb „erstmal studieren“ gehen. Die, die lange schlafen, Vorlesungen verpassen und mehr auf Studentenpartys als in der Uni anzutreffen sind. Aber es gibt natürlich auch die fleißigen Studenten, die tagtäglich lernen, sich auf Prüfungen ausführlich vorbereiten und ein klares Ziel vor Augen haben. Diese letztgenannte Gruppe ärgert sich sicherlich manchmal über all die „Studenten sind faul“ Klischees und quälen sich oftmals nächtelang durch trocken geschriebene Bücher.

Der Ernst des Lebens schlägt zu

Zu welcher Kategorie die Hauptperson der Graphic Novel „Studierst du noch oder lebst du schon?“ gehört hat, ist nicht genau zu sagen (obwohl man auf die arbeitsfreudige Version tippen würde), denn der Titel des Buches ist etwas schlecht übersetzt. Im französischen Original heißt es „Carnets de thèse“, im Deutschen wurde einfach ein lustigerer Titel – na, hat da jemand an die Ikea-Werbung gedacht? – gewählt. Dieser passt nicht so wirklich, denn die Hauptperson der Geschichte, Jeanne, ist im Grunde keine „richtige“ Studentin mehr.

Jeanne ist bereits als Lehrerin angestellt , doch ist sie ziemlich unzufrieden in ihrem Job. Als dann eine E-Mail in ihrem Postfach landet, die die freudige Nachricht enthält, dass sie den Doktortitel machen darf, ist sie Feuer und Flamme. Sie beschließt, den Lehrerjob zunächst zu pausieren und sich voll und ganz auf die Vorlesungen und die Doktorarbeit zu konzentrieren.

Total motiviert schreibt sie sich ein – obwohl sie dabei einer äußerst unmotivierten Sekretärin gegenüber sitzt – und stürzt sich in ihre neue Aufgabe. Trotz Warnungen ihres Freundes, ist sie überzeugt, dass die Wahl die richtige ist und es schlimmer als in ihrem Beruf als Lehrerin ohnehin nicht werden könnte. Dabei merkt sie aber gar nicht, wie sie sich verändert, wie ihr alles anfängt auf die Nerven zu gehen und wie sie das Leben gegen ihre Doktorarbeit eintauscht. Jobben muss sie auch, denn so eine Doktorarbeit muss ja finanziert werden … Freizeit bleibt vollkommen auf der Strecke.

Ernsthaftigkeit gepaart mit einer guten Prise Humor

Diese Inhaltsbeschreibung nach könnte man meinen, dass es sich bei „Studierst du noch oder lebst du schon?“ um ein Drama in Form einer Graphic Novel handelt. Dem ist aber nicht ganz so. Natürlich finden sich viele Doktoranden in der Geschichte wieder, denn die menschliche Psyche wird hier hervorragend aufgezeigt. Aber die Zeichnerin Tiphaine Rivière – die übrigens selbst ihre Doktorarbeit abgebrochen hat, um sich dem Zeichnen solcher Geschichten zu verschreiben – hat es geschafft, die Story trotz Ernsthaftigkeit mit viel Humor zu verpacken. Der schmale Grat, der oftmals zwischen niveauvollem Humor und Albernheit liegt, ist schwer zu bestreiten, doch die Autorin hat es geschafft. Sie hat der Geschichte Ernsthaftigkeit gegeben und ist dennoch nicht in Schwarzmalerei verfallen.

Apropos Malen: die Zeichnungen sind wirklich sehr gut. Ein ganz besonderer Stil wird hier gewählt, recht einfach gehalten und ohne detaillierte Hintergründe. Der Fokus liegt klar auf den Charakteren. Das ist auch gut so, zu viel Details würden den Lesefluss unnötig unterbrechen und stören. Gemessen an dem großen Umfang dieser Grafic Novel reichen diese skizzierten Illustrationen vollkommen aus, um eine passende Atmosphäre zu verschaffen. Alles richtig gemacht! Wer sich selbst demnächst in die Doktorarbeit stürzen möchte, sollte sich dieser Lektüre widmen. Nicht, um sich abschrecken zu lassen, sondern um das Kommende mit mehr Humor nehmen zu können und sich psychisch schon mal auf die bevorstehende Belastung einzustellen.

Studierst du noch oder lebst du schon?

Studierst du noch oder lebst du schon?
8.7

Story

8.1 /10

Zeichnungen

8.9 /10

Umfang

9.0 /10

Pros

  • Gute Mischung aus Ernst und Humor
  • Zweckmäßige, gute Zeichnungen
  • Aus dem Leben gegriffen

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